Fastenzeit ist eine Zeit des Weniger – doch vielleicht vor allem eine Zeit des Hinsehens.
Denn während wir freiwillig verzichten, wird anderen täglich etwas genommen: Sicherheit, Würde, Teilhabe. Die soziale Frage stellt sich heute nicht weniger drängend als früher, sie hat nur ihr Gesicht verändert. Sie zeigt sich in überfüllten Tafeln, in Menschen mit mehreren Jobs und trotzdem zu wenig zum Leben, in Kindern, deren Chancen vom Kontostand der Eltern abhängen.
Wir haben gelernt, Mangel zu verwalten, statt ihn zu beseitigen. Armut wird statistisch erfasst, politisch verhandelt, medial kommentiert – und bleibt doch erschreckend normal.
Fasten kann uns aus dieser Gewöhnung herausführen. Es unterbricht den Rhythmus des Immer-Mehr und legt frei, wie eng unser Wohlstand mit den Lasten anderer verknüpft ist – global wie vor unserer Haustür. Vielleicht bedeutet Fasten heute, nicht nur Konsum zu reduzieren, sondern Gleichgültigkeit. Nicht nur auf Überfluss zu verzichten, sondern auf Ausreden. Wer weniger für sich beansprucht, schafft Raum für Gerechtigkeit.
Und wer genauer hinsieht, erkennt: Die soziale Frage ist keine abstrakte Debatte. Sie beginnt dort, wo wir entscheiden, ob uns das Leben anderer wirklich betrifft.
Michael Inden, Diözesanpräses der KAB im Erzbistum Köln |