Das Vaterunser bete ich sehr gern, wenngleich mit etwas Unbehagen: Ich bete zum „Vater“, gerate in eine Kind-Rolle und stelle „Tu du was für mich“-Bitten: „gib das tägliche Brot“, „vergib unsere Schulden“, „führe nicht in Versuchung“ und „rette vor dem Bösen“. Dann noch Wünsche dazu: „geheiligt werde Dein Name“, „Dein Reich komme“, „Dein Wille geschehe“.
So führt mich das Vaterunser in eine kindlich-verwöhnte „Gib mir“-Mentalität: Ich bete, bitte, wünsche und halte meine Hände auf; Gott wird geben, führen, heiligen, kommen und geschehen lassen.
Doch die Rolle des verwöhnten Kindes verlasse ich und mein Unbehagen verliere ich, wenn ich erkenne: Meinen Bitten und allen Wünschen liegen Gottes Bitten und Wünsche zugrunde: Es geht um ihn – seinen Namen, sein Reich, seinen Willen – und es geht um seine Anliegen für seine Menschen – heutiges Brot erhalten, Schulden vergeben, niemand in Versuchung führen, gerettet werden.
Im Vaterunser – so sehr es ein Bittgebet ist – geht es um den Angebeteten, und der Angebetete bindet mich aufgrund meiner Bitten ein in sein Heilsvorhaben: »Wirke mit, damit meine Bitten und Wünsche aufgehen und dann deine Bitten und Wünsche erfüllt werden.« Jetzt liegt eine Neuorientierung auf der Hand: Nicht für mich bitte ich im Vaterunser, sondern um Gottes Willen und der Menschen zuliebe. Und auch der Verzicht ist klar: Nicht ich, sondern Gott. So wird für mich und vielleicht auch für Sie / für dich das Vaterunser zu einem besonderen Fastengebet.
Burkhard R. Knipping, Pulheim |