Das heutige Tagesevangelium erzählt von Jesu Versuchung in der Wüste – einer Geschichte, die nicht nur persönlich, sondern auch zutiefst sozialethisch gelesen werden kann.
Die erste Versuchung, Steine in Brot zu verwandeln, berührt unsere heutige Fixierung auf Bedürfnisbefriedigung und Konsum. Hunger stillen ist lebensnotwendig – doch Jesu Antwort erinnert daran: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wo wirtschaftliche Systeme nur auf Wachstum und Verfügbarkeit setzen, drohen Sinn, Würde und gerechte Teilhabe verloren zu gehen. Fasten heißt dann auch: den Überfluss hinterfragen und nach gerechter Verteilung fragen. Die zweite Versuchung – der Sprung vom Tempel – steht für das Spiel mit Aufmerksamkeit, Macht der Inszenierung und religiösem Missbrauch. Vertrauen in Gott ersetzt nicht Verantwortung. Auch heute ist es eine Versuchung, sich selbst groß zu machen, Risiken anderen aufzubürden oder Glauben zur Selbstrechtfertigung zu nutzen. Fasten kann bedeuten, auf Selbstüberhöhung zu verzichten und stattdessen solidarisch zu handeln.
Jesu Absage an die Macht über die Reiche in der letzten Versuchung entlarvt Herrschaft ohne Gerechtigkeit als Götzendienst. Politische und wirtschaftliche Macht darf nie Selbstzweck sein, sondern muss dem Gemeinwohl dienen. Die Wüste wird so zum Ort der Klärung: Was bestimmt unser Handeln: Bedürfnis, Anerkennung, Macht? Die Fastenzeit lädt ein, Versuchungen nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich zu prüfen – und sich neu für Gerechtigkeit, Maß und Menschenwürde zu entscheiden.
Michael Inden, Diözesanpräses der KAB im Erzbistum Köln |